Westlich des Städtchens Wiesenburg mit seinem gleichnamigen Schloss verliert sich der zugehörige englische Landschaftsgarten im sumpfigen Gelände. Das bedrohliche Surren unzähliger Plagegeister begleitet noch ein gutes Stück den halb zugewachsenen Weg. Doch schon bald geht es in der würzigen Luft eines lichten Kiefernwaldes stetig bergan bis auf den langgewellten Sandbergen die ersten Grenzsteine den Übergang nach Sachsen-Anhalt markieren.

Abseits der buckeligen Landstraße, nicht mehr allzuweit von Stackelitz entfernt, verstecken sich die Reste einer aus Findlingen errichteten Kirche auf dem von  slawischen und germanischen Stämmen umstrittenen Siedlungsgebiet. Brennesseln und Brombeerranken verwehren den Zutritt, was aber für den unerschrockenen Wanderer kein Hindernis ist. Längst ist die Asche vergangener Lagerfeuer auf der kleinen Lichtung erkaltet und nur die Wildtierpfade zeugen von gelegentlichen Besuch. Ein dichter Buchenwald überwächst das von kleinen Tälern zerfurchte Antlitz der Landschaft.

Eine knappe Stunde entfernt lädt die zu einem Gasthof umgebaute alte Mühle am Rand der Elbauen zur Rast ein. Der Wirt, ein stämmiger glatzköpfiger Mann unschätzbaren Alters, gibt sich auf Nachfrage um die Geschichte dieses Ortes eher verschlossen. Nimmt man jedoch seine Empfehlung an, hier ein oder zwei Tage zu übernachten, wird er durchaus gesprächiger.

Die Einheimischen sollen die unwegsame Gegend meiden; Wölfe seien nämlich gesichtet worden und manch andere seltsame Sachen beunruhigen die Gemüter. Es wird erzählt, die überall bekannte Heilpraktikerin hätte einmal das dort reichlich vorkommende Schöllkraut mit bloßen Händen gesammelt. Wie sie dann nach getaner Arbeit sich erschöpft an ein Mäuerchen lehnte, fielen ihr die Augen zu.

Sie schwört Stein und Bein, dass als sie aufwachte, keins ihrer Glieder rühren konnte. Starr vor Angst sieht sie auf eine Wandergruppe. Feuerschein huscht über die Gesichter. „Wir sind alle Brüder oder Schwestern.“, meinte einer, wobei er fast etwas unverschämt grinste. Dabei saß scheinbar unbemerkt ein Äffchen auf seiner Schulter, das ihm abwechselnd am Kopf kraulte, manchmal was ins Ohr schrie oder die Zunge rausstreckte.

Mit seinen blassblauen Augen schien er durch sie hindurchzuschauen. „Menschen! Brüder und Schwestern sind Menschen. Auch ich bin ein Mensch. Was ihr meinen geringsten Brüdern getan habt, habt ihr mir getan. Was also jemand dem geringsten antut, hat er allen getan. Überall, ob als Arzt, Amokläufer oder sonst etwas, schaue ich dich an. Seitdem hat die Olle einen Schatten. Alle naselang schaut sie sich um, aber sogleich huscht er davon.

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

6 Comments

  1. Bei deinem heutigen Eintrag werden Erinnerungen bei mir wach. Im Oktober 2016 war ich mit einer Reisegruppe im schönen Fläming.

    ttps://startbahnrampedrei.wordpress.com/2016/10/01/rueckblick/

    Leider konnte ich die Fußarbeit nicht mitmachen. Aber die Busfahrer haben uns viele interessante Orte gezeigt. Das ersetzt selbstverständlich keine Wanderung.
    Von einer Reiseführerin wurden uns auch einige spannende Geschichten über den Fläming erzählt und es gibt viele Geschichten. 🙂
    Lustig fand ich den Ort, in der aus nur 2 Einwohnern besteht.

    Ich fand die Landschaft wildromantisch, also einfach schön.

    Gruß zu dir
    Lilo

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    1. Es soll zudem mit dem über 200m hohen Hagelberg das kleinste Mittelgebirge der Welt sein. LG aus Berlin, was da nicht mithalten kann.

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      1. Ist schon eine schöne Ecke. Aber nur vom Auto aus weniger interessant. Dabei fehlt mir das Gefühl von Abenteuer.
        Der Hagelberg ist ja bekannt und mit immerhin 200 m auf keinen Fall zu übersehen. *lache*

        Gruß nach Berlin,
        Lilo

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      2. … oder das mittelste Kleingebirge diesseits des Mississippi?
        Ich dachte, das sei der Monte Klamotte in Berlin, oder ist das der Teufelsberg?, schwer zu sagen.

        Howard Philips Lovecraft, der Gute, würde sich dorten zwei Tage einquartieren (bei einem stämmigem, merkwürdigen Häusler mit asymmetrischen Buckeln auf der Stirn), um seinen neuen Roman „Mittelgebirg des Wahnsinns“ zu schreiben. In dem dann alles geklärt wird.

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        1. Nördlich davon ist vor einigen Jahren der damalige Sektenbeauftragte in Bedrängnis geraten, während der Nachkomme eines fürstlichen Gärtners als Immohändler mit seinen Gehilfen in die letzten Winkel vordringt. Für Schriftsteller warten hier auf Schritt und Tritt ungehobene Schätze.

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          1. Ja, man ahnt es. Fontane würde desob erblassen 😀

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