Der gesellschaftliche Diskurs über Geschlechterrollen hat der Aufarbeitung patriarchalischer Machtstrukturen im Märchen neue Impulse gegeben. Folgendes Beispiel mit wertvollen pädagogischen Hinweisen zeigt erste Einblicke in diese sagenumwobene Welt.

Voller Wonne räkelt sich das kleine Wölfchen in seinem Lager auf einem Berg von Fellen. Wie jeden Abend zählt es beim Einschlafen Schäfchen. Erst das eine, dann das andere springen über den Weidenzaun. Gerade als es schon fast im Reich der Träume versinkt, hüpft noch der Schäfer mit Hilfe seines Stockes und auch sein Köter ganz und gar nackig hinüber. Geduldig schleckt Mutter Wolf die salzigen Tränen von den heißen Wangen, bis es endlich doch einschlummert.

Der Uhu, bekannt für Traumdeutungen aller Art, wurde um Rat befragt. Selbst wenn er schlief, behielt er ein Auge offen, so wachte und träumte er zur selben Zeit. Nach einer Weile meinte er, dass hier wohl eine posttraumatische Störung vorläge. Im übrigen könne das unbehandelt zu Identitätsproblemen führen und verschaffe sich in einer Überkompensation Erleichterung. Man sähe dann überall Fussel, die dann eifrigst gezupft werden müssen. Sprach’s, zwickte sich in sein Federkleid und empfahl für das Wölfchen eine Desensibilisierungstherapie.

Alsbald schleicht die Wolfsfamilie durchs hohe Gras zur Weide hin. Die abendliche Brise raschelt verspielt mit dürren Blättern. Der Schäfer kratzt sich nachdenklich am Ohr und pfeifft nach seinem Hund. Wütend fletscht die Wölfin ihre Zähne, springt mit einem Male hervor; erwischt ihn gerade noch am Zipfel. Mit Mühe nehmen Schäfa, Schäfi und der Köta Reißaus, verfolgt bis knapp an die Tür zu ihrem Haus.

Der Fall kam vor das Oberverwaltungsgericht, da er als Schäfa der Manneskraft verlustig den Beruf des Schäfers nicht mehr ausführen könne. Dem Antrag auf Feststellung der Berufsunfähigkeit wurde entgegengehalten, das sich der Vorgang außerhalb des Arbeitsplatzes unter Missachtung der Leinenpflicht abgespielt hätte. Außerdem greifen hier die Vorschriften des Leistungserschleichungsgesetzes. Der Richter musste lächeln, wies den Antrag als unbegründet zurück und zitierte ein Gedicht.

Die kleine Silbe er am Schluss

Sorgt in der Mehrzahl für Verdruss

Will sich keinem Mann verweigern

Zudem stark und stärker steigern

Nur die Mutter wird so kein Mann

Auch wenn sie sonst gar vieles kann

Unschuldig hat sie dann gelacht

Sie hätt‘ sich nix dabei gedacht

Wer ist wer? Das Geschlecht dieses Wörtchens ist zu klären, auch wenn es für jene eher unwichtig ist, die sich nicht nur über das Geschlecht definieren. Möglicherweise haben Tätigkeiten in feststehenden Begriffen Gestalt angenommen, die vorzugsweise mit r enden. Bis zur Klärung dieser Fragen und einer Prüfung von Befangenheit muss der Prozess auf unbestimmte Zeit vertagt werden.

 

 

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

12 Comments

  1. Mann hat’s nicht leicht. Wenn die Wolfsfamilie noch nachweisbaren Migrationshintergrund hat, könnte der Schäfer bei seinem AfD-Abgeordneten Unterstützung finden…

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    1. Das ginge schon, aber das Rudel lebt rein vegetarisch. Erst neulich soll einer, laut Aussagen seiner Frau, einer ins Gras gebissen haben.

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  2. Wo sind eigentlich die Schafe angeblieben? Sollten die nicht doch über den Zaun springen?

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    1. Eins der Lämmer, noch zu klein zu springen, hat es dem Wölfchen besonders angetan, was natürlich zu manch schlaflosen Nächten führen könnte.

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  3. Frisst die Wölfin des Schäfers Zipfel
    ist dies der Gipfel
    weil sein Geschlecht
    dann nicht mehr echt
    das Gericht
    nimmt den Schäfer in die Pflicht
    der Zipfel, er muss wieder dran
    denn nur dann … ist er ein Mann

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    1. Der Zipfel bestimmt die Geschlechter, außen bei manchen hängt er, bei anderen aber heisst es innen, wenn nicht, sind sie von Sinnen.

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  4. Thank you for your blog post.Really thank you! Awesome.

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  5. Werde noch ein wenig meditieren über ~er als männliche Nachsilbe: alles in Buddha…
    … was mich daran erinnert, daß sowohl „Butter“ als auch „Joghurt“ regional unterschiedliche grammatikalische Geschlechter haben: in Norddeutschland ißt man „die Butter“ und „die Joghurt“, weit im Süden „den Butter“ und „den Joghurt“ – in Mitteldeutschland gibt es sogar „das Joghurt“, aber „das Butter“ gibt es nirgends. Höchstens das Butterfass, aus dem man sich dann etwas herausnimmt. Was das über Milchprodukte im allgemeinen, Butter im besonderen, und die Nachsilbe ~er aussagt, kann widerum ich nicht sagen.
    Höchstens, daß ich in gar keinem Fall das Problem durch Margarine umgehen will – die kommt mir nicht auf den Tisch, die finde ich widerlich! Gegen Käse dagegen habe ich nichts.

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    1. Butterbrote machen Männer stark, sonst bleiben nämlich sie nur Milchbubis. Mmh.

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