IMG_2086Unter den Linden 1 muss wohl Bertelsmann sein. Schräg zu dem schwebenden Halbrund des aus polierten schwarzen Marmor eingefassten kleinen Steingartens parkt Jürgen sein Toyotataxi vorsichtig rückwärts ein. Von der Schlossbrücke aus gesehen erstrahlt links von ihm das festlich geschmückte Haus, während auf der anderen Seite ein mehr als autobreiter Durchgang an einem öden Bauzaun zu enden scheint.

Der Portier begleitet letzte Besucher zu einer schwarzen Limousine, wirft ihm noch einen sinnierenden Blick zu und verschwindet wieder hinter der schlicht vornehmen  Eingangstür. Bereiwillig gibt Jürgen in der Wartezeit einzelnen orientierungslosen Touristen, deren E-Glocke leer war, Auskünfte, auch wenn sicherlich mehrere kurz hintereinander auszuführende Richtungswechsel eine Überforderung der bisher Schritt für Schritt geführten Wesen verursachen könnten.

Einem mit einer Angelrute und dazugehöriger App ausgerüsteten Sportfischer sollte man sich nicht in den Weg stellen, muss er beim Einsteigen erkennen. Ein gelber Lieferwagen der Post gesellt sich noch hinzu und so überfliegt er leicht gelangweilt in der Kolumne der Zeitung die neuesten Verkehrsvorschriften. Bei Neuwagen ist zusätzlich zur Hupe, die meist nur als Ansporn und Mahnung zugleich benutzt wird, eine Warnsirene (Modell Kim) erhältlich, um der jeweiligen Gemütslage mehr Ausdruck zu verleihen.

Eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/st für Radfahrer auf Gehwegen wird ins Auge gefasst. Plötzlich drängen sich unzählige Leiber durch die Enge zwischen Balustrade und dem unschuldig wartenden Taxi. Schon klappt der Außenspiegel nach innen. Ob der Anführer einer chinesischen Reisegruppe fehlgeleitet durch Navigation auf einem jahrhundertealten Wanderpfad ursächlich war, ließ sich später nicht mehr genau  feststellen.

Jedenfalls reichte die Schlange über das rautenförmige Vorfahrtszeichen weit hinaus bis zum Brückenkopf und glitt nun vor sich hinplaudernd langsam in den alternativlos erscheinenden Trichter. Jetzt hieß es nur keine Aufmerksamkeit erregen und vielleicht noch den Unwillen auf sich ziehen. Einzelne fanden nach einigem Hin und Her den Ausweg auf der anderen Seite des auf keiner Karte verzeichneten Hindernisses. Bei der Beschleunigung im Nadelöhr klatschten die Mäntel der schweigsam vorwärtsstrebenden Körper an die Karosserie wie Wellen an eine Kaimauer.

Allmählich ebbte der Strom ab, als ein auf der Einmündung der Querstraße sich bildender Stau das Fortkommen erschwerte. Der Postlieferwagen verließ nach der artistischen Einlage eines Radfahres neben dem nach rechts abbiegenden Laster die Szene und Jürgen drängelte sich hinter ihm in den Verkehr. Alles war wie vorher, abgesehen von der wieder ganz passabel wirkenden Einstiegsseite, was bei der Hotelvorfahrt nun mal unbestritten einen besseren Eindruck macht.

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

16 Comments

  1. Ganz normal in Berlin – jeder macht was er will. Touristen finden das ja toll.

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    1. Zumindest glaubt er, dass er will, was er soll.

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      1. was soll er denn so? Ohne Einsatz des Gehirns durch die Gegend fahren?

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        1. Hauptsache ist dabei nach allgemeiner Ansicht das Wohlgefühl

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          1. Das Verhältnis zwischen Deutsch-Einheimischen und Wohlgefühl ist bekannt: Wenn Zweiteres fehlt, werden Erstere sofort rabiat (denn denen steht das zu). Hingegen ist das Verhältnis zwischen Touristen und Wohlgefühl noch weitgehend unerforscht (es sei denn, man berücksichtigt Dinge wie das Jerusalem-Syndrom oder das analoge Stendhal-Syndrom in Florenz, dazu das analog verzweifelte Schlurfen im Schloss Neuschwanstein, usf.)

            Ein analoges Berlin-Syndrom ist derzeit noch nicht bekannt. Was aber nicht bedeutet, dass es in Unter- und Hintergründen nicht schon gärt, schwelt und dräut (was und wie auch immer es nun sey).

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            1. Gut, dass diese Problematik mal offen angesprochen wird. Im Grunde beneidet der Normalberliner, der alles voll hässlich empfindet, Stadtbesucher um dieses Gefühl einfach alles schön zu finden.

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              1. Aber lautete die Alltagsparole des Berliners nicht einst, es sei alles eene Wolke-?

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                1. Der Volksmund spricht weise Worte mal wieder jelassen aus.

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                  1. Det jlobe ick schwerlich 🙂
                    (Friech-Willem der Vierte soll zwar immer gesagt haben „das gelobe und schwör ich“, aber er wurde immer gern anders verstanden)

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  2. Ach, in diesem Beitrag sind wieder so einige herrliche Formulierungen, bei denen ich auflachen musste: „Schritt für Schritt geführte Wesen“ – „unschuldig wartendes Taxi“ – „die Schlange glitt vor sich hinplaudernd in den Trichter“ – „schweigsam vorwärtsstrebende Körper“…

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  3. Solange es nur Autos sind, kann eine Gesellschaft das noch ertragen. Inzwischen werden aber auch andere Menschen zu Hindernissen, die ohne Navi nicht mehr zu umschiffen sind.

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    1. Bis zur Einführung der Navipflicht ist es noch ein weiter Weg.

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      1. … und bis da hin darf man manche Menschen grad noch überschiffen.

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        1. Scharfe Schiffer schnüffeln schlaffe Schafe

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