Leicht besorgt las er den unfrankierten Brief noch ein zweites Mal durch.

Lieber Jürgen!

Die herbstlich angehauchte Landschaft der fränkischen Schweiz zeigt sich mal wieder von ihrer farbfrohen Seite. Gestern bin ich bei schönstem Sonnenschein zu einer Rundwanderung in der von Höhlen durchzogenen Landschaft nicht allzuweit von Pottenstein aufgebrochen. Hinter jedem noch so kleinstem Höhenzug verbirgt sich ein saftiggrünes Tälchen  samt einer, wie es scheint, dafür eigens zuständigen immerfort sprudelnden Quelle.

Leider bricht zu dieser Jahreszeit die Dämmerung schon viel zu früh herein; ein kleines Sträßlein hinter einem Schlagbaum bot sich an, mich laut eines verwitterten Schildes zu einem Gasthof zu führen. Bald schon zeigten sich verstreut inmitten hügeliger Wiesen erste Bauernhäuser. In der Hoffnung diesen hinter den schwach erleuchteten Fenstern eines der größeren Gehöfte vorzufinden, öffnete ich behutsam die schwere unverschlossene Eingangstür.

Ein Radio dudelte leise vor sich hin, doch niemand ließ sich blicken. Grob gezimmerte Bänke entlang der dicken Mauern und mehrere zusammengeschobene Tische bildeten außer einer kleinen Theke und einem schlichten Holzkreuz das karg wirkende Inventar. Weiter entfernt ließen sich aus einem Nebengebäude undefinierbare Schabegeräusche vernehmen.

Mein freundliches Grüßen wurde von einer großen Gestalt im Gegenlicht einer von der Decke baumelnden Lampe kurz erwidert. Auf den Wunsch nach einer Unterkunft hieß es nur, erst müsse der Stall gesäubert werden, dann könne man weitersehen. Ob ich ihm denn nicht helfen wolle. Anstatt mit Messer und Gabel in der Hand vor einem reich gedeckten Tisch zu sitzen, fand ich mich mit einer Mistgabel ausgerüstet in einem warmmodrig duftenden Kuhstall wieder. Endlich zeigte der Wirt nach einer gewissen Weile Einsicht.

Die Gaststube war nun besser besucht und allerlei Gerichte wurden in dampfenden Schüsseln aufgetischt. Eine Speisekarte gab es zwar keine und auch nur wenige Biersorten, wobei das selbstgebraute Hanfbier mit seinem würzigen Geschmack den Appetit wunderbar anregte. Aus den Gesprächen erfuhr ich einiges mehr über die hier gebräuchlichen Lebensweisen.

Soweit ich herausbekommen habe, ist der unveräußerbare Landbesitz hier unabhängig vom Vermögen gleichmäßig verteilt und Mieterhöhungen sind an Einkommenserhöhungen gekoppelt. Um die Entwicklung von Kindern nicht zu gefährden, wird auf elektronische Kommunikationsmittel abhängig von microsoft und co weitestgehend verzichtet. Personen mit künstlicher Intelligenz wird wie Menschen, die niemals schlafen, geschweige denn träumen, eher mit Vorbehalten begegnet.

Der Aufwand für die Erziehung von bis zu zwei Kindern wird von der Allgemeinheit getragen und für weitere können gleichermaßen geförderte kinderlose Paten eintreten. Das ganze scheint wohl auf die Erhaltung des in Millionen von Jahren herausgebildeten Gleichgewichtes der Natur hinauszulaufen, anstatt ohne Rücksicht auf spätere Generationen alle ihre Schätze aufzubrauchen.

Noch immer werde ich hier wohl als armer Landstreicher betrachtet, der das nur nicht zugeben will. Trotzdem gefällt es mir hier sehr gut und werde hier noch ein wenig länger bleiben, um noch mehr in Erfahrung zu bringen. Könnte man nicht das Modell irgendwie politisch umsetzen und einfach eine wirkliche Alternative zu den auf reine Verwaltungsakte reduzierten Wirtschaftsparteien bilden? Später mehr darüber.

LG. schlingsite

PS.: Bitte kümmere Dich ein bisschen um den Blog. Hier und da mal gefällt drücken, Kommentare brauchst Du nicht unbedingt abgeben.

Eine Selbstorganisation mit einem eigenen Kommunikationssytem hat was für sich. Wahrscheinlich aber hält ihn eine dieser Psychosekten in ihren Klauen. Alles nur Träumereien; machen kann man sowieso nichts. Ein Parkplatz für das Taxi ist jetzt wichtiger. Endlich fährt ein breiter gelber Lieferwagen langsam rückwärts raus, schon lauert ein anderer auf die Gelegenheit und eine der Mitfahrerinnen will eben mal die freiwerdende Parkfläche sichern. Jetzt heißt es sich noch schnell vorbeiquetschen. Geschafft. Wildes Gehupe und Gezeter. Mit etwas Charme die aufgepeitschen Gemüter beruhigen und schon findet der andere daneben auch noch sein Plätzchen. Geht doch.

 

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

6 Comments

  1. Es wird Herbst, wenn sich der überzeugte Metropolist nach dem pastoralen sehnt.

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    1. Doch erst zu dieser Jahreszeit bekommt das Stadtleben wieder Sinn, der oft vergeblich ward gesucht.

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  2. Gleich um die Ecke, in der Pulvermühle zu Waischenfeld, hatte sich dereinst Schachweltmeister Bobby Fischer eine Zeit lang versteckt. Die „Fränkische“, wie die Einheimischen sagen, ist der ideale Ort um abzutauchen … 🙂

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  3. Hört sich gut an; sogar 11 Mitglieder der Gruppe 47 sollen sich dort kürzlich getroffen haben.

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  4. Hallo aus dem Norden,
    vielen Dank für die nette Anrede deines Artikles, denn ich heiße auch (nur) Jürgen.
    Konnte mich gut in die Geschichte hineinversetzen. Mag Bauernhöfe und Kühe bzw. Kuhställe.
    Früher blieb alles in der Großfamilie, selbstredend Selbstorganisation.
    Heute leben wir in einer Lobby-kratie und alles unterliegt einem `Qualitätsmanagement´ mit viel Glyphosat, Antibiotika u.v.m.
    Und wir essen das alles mit.
    Ich möchte meine Kat. Ernährung hier gern teilen, weil sie kaum auf Interesse stößt:
    https://4alle.wordpress.com/category/ernahrung/
    Vielen Dank!
    Jürgen aus Loy (PJP)

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    1. Die Wichtigkeit des Themas wird vielen erst klar, wenn Folgeschäden unübersehbar werden. Deshalb habe ich deinen Artikel eben bei mir veröffentlicht. Viele Grüße zurück.

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