Ein Dr. Blech wollte von der JVA abgeholt werden. Rechts gegenüber eines spiegelverglasten Wachturms liegen die aus roten Ziegelsteinen gemauerten Gebäude für die Freigänger. Schon von weitem winkte seine hagere Gestalt Jürgen heran. So ganz  genau wollte er gar nicht wissen, was der auf dem Kerbholz hat. Obwohl, na ja, schau’n wir mal.

„Ist leider keine allzugroße Strecke“, ließ der sich vernehmen. „Doch mit Gepäck ist’s mit dem Taxi einfach besser.“ Jürgen besah den abgewetzen Koffer nicht lange und wuchtete das schwere Ding mit einem Schwung in den ächzenden Kofferraum. „Fußfesseln?“, zwinkerte er der Goldrandbrille zu. „Nee, nur Schriftkram und Bücher.“ „Ja, damit lässt sich die Zeit für eine gewisse Dauer gut vertreiben.“ „War nur für ein halbes Jahr; aber trotzdem hart genug.“ „War auch schon mal wegen einer kleinen Drogengeschichte drin. Untersuchungshaft. Einzelzelle. Eine Stunde Hofgang. Und bei Dir?“ Jürgen ging zum vertraulichen Du über. „Wegen Dissonanzen.“

So richtig gewalttätig sah er eigentlich nicht aus, mit seinem verschmitzten Lächeln. Aber weiß man’s?  „Alles klar.“  „Das nicht gerade; ein paar Missverständnisse stehen noch im Raum. Manche Sachen haben genügend Sprengkraft um einiges in Bewegung zu setzen.“ Jürgen dachte an den Koffer. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn; wahrscheinlich alles in der Gefängniswerkstatt sorgfältig hergestellt.

Sein Fahrgast bemerkte die unausgesprochene Frage und fügte erklärend hinzu, er sei von seinem Posten als Seelsorger beurlaubt worden. Seine Behauptung, dass Worte im Laufe der Geschichte ihre Bedeutung wandeln oder schon vorher, nicht nur von kirchlicher Seite, verdreht wurden, sorgte für Unruhe. Im Knast fühle er sich manchmal nicht nur in sprachlicher Hinsicht unverstanden. Wenn überhaupt, dann wird dort an etwas anderes geglaubt. Vorne tauchte die karge Abfertigungehalle von Air Berlin auf.

„Wie sehr doch die eigene Sicht die Wahrnehmung einschränkt. Vollkommen fehlgedeutet aus Gefühlsduselei ist z.B. der Ausspruch: Wenn dich einer auf die Backe haut, dann halt ihm auch die andere hin. Zu Zeiten rauer Sitten galt das als Beleidigung und wird durch das Hinhalten der anderen einfach nur lächerlich gemacht. Es bedeutet nicht : Wenn dir einer den Arm abhackt, dann halte auch den anderen hin.“

Wütendes Pochen an die Seitenscheibe unterbrach die Unterhaltung. „Kollege, kannst du mal weiterrücken! Es sind noch andere da!“ Diakon Blech stieg gemächlich aus und wedelte mit einem Fuffi vor dessen Augen. Das Gezeter verstummte. Zögern. Langsam begannen knochige Finger den Schein zu zerknüllen. Jürgen riet eindringlich dazu, das Angebot anzunehmen, woraufhin das Papierbällchen endlich einen neuen Besitzer fand.

Das wirkte. Jedenfalls bis sich sein Fahrgast freundlich verabschiedet hatte. Der Grund für das Geschrei des im Rückspiegel allmählich kleiner werdenden wild gestikulierenden Kollegen und das Gehupe liess sich leider nicht genau erkennen.

 

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

3 Comments

  1. Uh, das wird ja richtig abgründig. Spannend!

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    1. Mysteriös ist zusätzlich auch die Tatsache, dass es keinen Facebookaccount von Dr. Blech gibt.

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      1. Muß ein Terrorist sein, einer von der besonders sinisteren Sorte. Wer heutzutage nicht sein Abendessen inklusive Morgenstuhlgang postet, hat jede Menge zu verbergen und ernährt sich wahrscheinlich extrem schlecht.

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