In der Stille der Dämmerung schritt einst ein Waldschrat frohgemut seines Weges; kaum wagten die dürren Halme der Gräser zu rascheln. Den ganzen lieben Tag über hatte er zwischen den weichgepolsterten Armen eines mächtigen Baumstumpfes geruht und nur langsam wich die Erstarrung seiner erkalteten Glieder. Unwillkürlich schüttelte er sich, als er beinahe über die Türschwelle zur Jahreshauptversammlung stolperte. Nun vollends wachgerüttelt, hub er sogleich zum verlangten Rechenschaftsbericht an, ohne sich allzulange mit Ermahnungen wegen vermeidbarer Nachlässigkeiten zu beschäftigen.

Mit verhaltenen Bedauern, doch auch Erleichterung, nehmen wir den Rücktritt eines unserer langjährigen vorsitzenden Mitglieder an. Es ist schön zu sehen, wie es zu seiner ihm angemessenen, von uns abgeguckten, Lebensform zurückkehrt. Seiner überaus großen Selbstliebe verdanken wir ungeahnte Einblicke in sein Denken. Angefangen mit der Krönung zur Perle der Schöpfung als Spitze der Evolution ist es nunmehr zum sicherlich schwer abgerungenen Entschluss gekommen, über sich hinauszuwachsen.

Seine Sehnsucht nach prinzipieller Unterwerfung bei gleichzeitiger Erhöhung gipfelte zuletzt in den selbstverliehenen Menschenrechten möglichst ohne Pflichten. Mutig mischt er die Zutaten der Natur neu zusammen, wirft jahrmillionenalte Testreihen über Bord und steht dann staunend vor überraschenden Ergebnissen. Allein liebenswert ist natürlich sein Jammern über verlorene Lebensräume anderer Wesen. Da erscheint die freiwillig angenommene externe automatische Regulierung als notwendiger Schritt, da ihm eigene Grenzsetzung nun mal nicht möglich ist.

Er siedelt in und auf den von ihm geschaffenen, teilweise beweglichen, Höhlen. Der Hauptzweck seines Daseins scheint übrigens darin zu bestehen, möglichst viele Höhlen zu besitzen oder besonders schnell diese zu wechseln. Es gilt nach wie vor das vererbliche Recht des Stärkeren, deren Vertreter im allgemeinen gewählt werden. Alles in allem sind die Aussichten auf eine Myzelisierung trotz neuer Anforderungen bei der Vermehrung durchaus positiv zu beurteilen.

Nach dieser bemerkenswert kurzen Rede wandten sich die meisten eilends ihren eigentlichen Aufgaben zu. Einige ernähren sich gern von Zweifeln; andere wiederum durchschreiten die Träume oder setzen Flausen in den Kopf. Für jeden erdenklichen Schabernack sind sie sich nicht zu schade. Am liebsten besetzen sie jedoch die weitverzweigten gemütlichen Hohlräume mit allerlei entbehrlichen Gewohnheiten. Einigermaßen zufrieden mit dem Erfolg seiner Ansprache ließ er sich auf den nächstbesten Karren fallen, der gerade mühselig vorbeizog.

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

13 Comments

  1. zumindest hat er sich nicht vor den Karren spannen lassen …oder doch? -:)))

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    1. Nee, nee. Er liebt es nur beqem zu reisen.

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    1. Einmal im Jahr sollte man sich schon ein paar, aber nicht zuviele, Gedanken machen. Das empfiehlt so ziemlich jeder halbwegs menschenfreundliche Jägermeister, äh Waldschrat natürlich

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  2. überall das Gleiche…. 🙂 schön geschrieben!

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    1. Danke für den netten Kommenentar. LG

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  3. Schön, das. Wenn es noch nicht in Erwägung gezogen ist, möchte ich die Phrase „jemand hub an zu reden“, zur Redewendung des Jahres 2016, wenn nicht sogar des Jahres 2017, vor schlagen. Oder so. Zur Begründung: Diese Pharse ist von bestechender Klarheit und doch droht sie sich zu verflüchtigen. Dem sollte schleunigst – und das sollte Kern meiner Ausführungen sein – mit Nachdruck nachgegangen werden. Mit Nachdruck!

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    1. Die Sprachkommission wird sich diesem kühnen Vorschlag nicht verschließen können; zumal sogleich vor den erstaunten Augen das Bild eines tief Luft holenden Redners Gestalt annimmt, bevor er sich bedenkenlos ins Wortgefecht stürzt.

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      1. Ich möchte hier und auch jetzt mein Licht nicht unter den sattsam bekannten Scheffel stellen. Doch so ein Adjektiv wie ‚kühn‘ gebührt in diesem Fall doch nur einem tief Luft holenden Redner, der sich, nach geradezu vorbildlicher Manier, bedenkenlos in ein Wortgefecht stürzt. Ein Wortgefecht, dessen Ausgang keinesfalls vorhersehbar erscheint. Ich bitte inständig dieses wunderbare Bild der Sprachkommission irgendwie zu vermitteln. Danke!

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  4. Hab nicht alles verstanden; insbesondere den Schluß. Gefällt mir aber trotzdem.

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    1. Freut mich sehr. Der Waldschrat ist halt manchmal launisch. Im Moment zieht es ihn nach Amerika und will dort den Schalk befragen, welcher mal dem einen, mal dem anderen im Nacken sitzt.

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      1. Das kann übel enden.

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