Ratlos blätterte sie in dem außen mit gotischen Lettern verzierten dicken Wälzer. Angefunden hatte dieser sich in einer der Mülltonnen für Altpapier im Hof. Wenn auch unverständlich geschrieben, sollte dieser bald zu einem der schönsten Schmuckstücke der Sammlung werden. Oft belächelt wegen ihres Steckenpferdes, bewunderten Freunde doch insgeheim die unzähligen dekorativen Buchrücken. Wohnraum war knapp und die holographische Projektionen und Schlingentisch, reichten den meisten vollkommen aus.

In mühevoller Kleinarbeit im Netz, nach dem Durchforsten von unzähligen angestaubten Bibliotheken und Hinweisen einschlägiger Koryphäen, ließ sich die Vermutung, es handele sich um den Nachdruck eines Märchenbuches aus dem 16. Jh. bestätigen. Eine der Erzählungen um Königin Gela die Bescheidene handelt von einem Besuch bei einem geheimnisvollen Wahrsager,  dessen damalige Aufgaben heutzutage Statistiker übernommen haben. Ein König hatte in etwa soviel Machtfülle wie einer der alle paar Jahre neu zu bestätigenden Präsidentenanwärter, deren Hirne in einer Nährstofflösung, sorgsam behütet von E-Sklaven, vor Alterungsprozessen nachhaltig bewahrt werden.

Besagte Königin spazierte einmal, nur begleitet von dem dicklichen Dr. Wenzel, auf den Wegen zwischen den geometrisch beschnittenen Büschen  dunkelgrün glänzender Buchsbäume. Selbst die in der morgendlichen Sonne funkelnden Tautropfen vermochten nicht ihre Gedanken aufzuheitern. Es wollte sich einfach kein Erbenkind einstellen. Der genüsslich auf einem Pfefferminzbonbon herumkauende Minister, dessen Ausdünstungen so etwas abgemildert waren, schlug vor, doch mal den allseits berühmten Alchemisten und Wahrsager aufzusuchen.Gesagt, getan. Mit wohlgesetzten Worten wurde ein Schreiben aufgesetzt und der schnellste Bote ritt eilends voraus.

Schon nach weniger als zwei Tagesreisen über Stock und Stein erreichten beide, sie als bieder gekleidetes Weib, er als gewöhnlicher Handelsmann, dessen Behausung oberhalb eines tiefen smaragdgrünen Bergsees. Kleine und große Felssteine beschweren das mit Holzschindeln versehene Dach, damit es nicht bei starken Wind einfach so davonfliegt. Die grob aus einem Stück gezimmerte Tür war unverschlossen und nach kurzem Klopfen trat er ein. „Wenzel, mein Name. Ist denn jemand da?“ Aus dem Dunkel kam ein halbmürrisches Grummeln: „Ja, nehmt nur Platz, hab Euch schon erwartet.“

Eigentlich war er es leid dauernd etwas voraussagen zu sollen, wo es doch besser war die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Überhaupt, kostenlos musste es auch noch sein, sonst versiegte diese ungewöhnliche Gabe. Nachdenklich schaute er auf einen Bergkristall in dem sich die lodernden Flammen des Kaminfeuers vielfach widerspiegelten.Der Spruch war schon lange in Worte gefasst und so formuliert, dass er sich nicht die königliche Gnade verscherzte. Aber ein bisschen Hokuspokus musste sein, damit es auch glaubhaft war. So schüttete er Kaffeesatz auf einen weißen Teller, ließ ein erstauntes Ah und Oh erklingen und rannte plötzlich aufspringend dreimal ums Haus. Seine Gäste waren sichtlich beeindruckt und so ließ er sich dann schließlich herab, seinen Spruch bekannt zu geben.

Auch das Meer will doch nur grüßen,

bald schon liegt es Euch zu Füßen.

Fast überall im Land begehrt,

ersehnter Nachwuchs wird beschert.

Reichtum aber kann zerfallen,

wenn sich Leute nicht gefallen.

Diener herrschen über Leben,

das Ihr ihnen einst gegeben.

Seine beiden Besucher erhoben sich alsbald von den mit flauschigen Fellen belegten Sitzen und verabschiedeten sich unter herzlichen Danksagungen. „Der Alte verblödet immer mehr. Das ist doch bloße Wahrscheinlichkeit. Nicht wahr?“ So ließ sich der Doktor vernehmen, als beide außer Hörweite waren.

Schlagartig war ihr klar, wer nach ihrer Macht trachtet und was der Spruch verlangt. Als erstes würde der Wenzel, hinter vorgehaltener Hand  als Scharwenzel überall bekannt, zumindest versetzt werden müssen. Vielleicht wäre für ihn eine Diät bei Wasser und Brot  in Erwägung zu ziehen. Sie schwankte noch. Erst mit dem Autauchen der ersten Lichter hinter den moosbehangenen Bäumen besserte sich allmählich ihre Laune.

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

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