img_1354Behutsam lenkt Jürgen seinen Daimler auf die aüßerste linke Spur. Zeit für ein kurzes Verschnaufen. Mit flinken Augen späht ein Freestyler nach einer Lücke im ewig fließenden Verkehrsstrom. Sobald sich eine Chance bietet, wird er sich voll Todesverachtung hineinstürzen, um auf der anderen Seite ziellos seinen Weg fortzusetzen. Allmählich kommen auch die anderen Autos rechts von ihm zum Stehen.

Ungeduldig treten schon die ersten wartenden Fußgänger zögerlich einen Schritt vor. Aus Erfahrung weiß er, dass es noch ein wenig dauert bis es für die Linksabbieger grünt. Die Zeit dehnt sich, gebannt schauen die meisten auf das Ampelmännchen oder mit eingeschränkter Wahrnehmung aufs Smartphone. Der eben noch harmlos in Gedanken versunkene Träumer oder der mit einem Stock bewaffnete Rentner können sich urplötzlich als skrupellose Zeitgewinnler entpuppen. Man weiß ja nicht, ob und wann die Ampel umschaltet. Nur noch ein Gedanke durchbraust das Hirn: vorwärts. In der Not dieser Reizarmut springen dann manche womöglich auf die Fahrbahn.

Schließlich tritt von rechtsaußen eine trendy gekleidete Nonkonformistin geplagt von Termindruck auf den Plan. Respektfordernden Blickes schreitet sie ohne nach links oder rechts zu schauen mutig voran. Inzwischen wird es endlich grün, allerdings nur für Jürgen,der nun langsam nach vorne rollt. Das Tröten einer verrostet klingenden Hupe von weiter hinten lässt sie vorwurfsvoll aufschauen, um sich dann auf die rettende Mittelinsel zu werfen.

Sein leicht angegrauter Fahrgast bemerkte, dass es zur Regel geworden ist, keine einzuhalten, will man nicht als uncool gelten. Innerlich tat es Jürgen leid den Ausdruck eines freien Lebensgefühls,  voller Vertrauen auf die Rücksicht anderer, durchbrochen zu haben, als er das Gaspedal durchdrückte und sich schnell vor einen jungen ausgemergelten Rikschafahrer klemmen konnte.

Vielleicht wäre eine Ampelapp nicht schlecht, welche  Wartezeiten als bare Münze gutschreibt. Kombiniert mit einer Anzeige der Kollisionswahrscheinlichkeit sowie der Phasendauer könnte man Geldwetten auf eventuelle Kandidaten abschließen. Eingeloggte Profis, welche innerhalb der Rotphase die gleiche oder mehrere Ampeln mit affenartiger Geschwindigkeit schaffen, sind dabei klar im Vorteil. Bei einem durchschnittlichen Erwerbseinkommen von 50 Riesen und noch mal 50 auf der hohen Kante sind das immerhin 10 Cent pro Minute, welche sich durch Zeitgewinn im Rotlichtmilieu ergeben. Da kommt im Laufe der Jahre einiges, besonders auch für Cycler, zusammen.

Mit diesen Worten beendeten sie ihre unterhaltsame Fahrt. Taxijürgen verabschiedete freundlich winkend seinen Kunden und schaute nach vorne in die erbarmungslos uninteressierten Stasiaugen einer Ordnungshüterin, die ihm gerade erfreut einen Strafzettel über 20 Euros wegen Haltens in zweiter Reihe ausschrieb.

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

2 Comments

  1. Seestraße, Blick nach Norden…?

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    1. Es ist an der Panke, genauer gesagt, wo gerade Amateure ungezwungen trainieren können.

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