IMG_0989(Interaktives Sozialmobil)

Es hupte. Na gut, ein wenig weiterrutschen war angesagt. Nochmals ging die Tröterei los,  was weitere Zentimeter bewirkte. Sein Fahrgast kramte derweil nach etwas Trinkgeld. „Ist ja gut.“ rief  er dem etwas mißmutigen Hintermann beim Aussteigen zu. Mit angefressener Miene kam die Kröte nach vorne. Jürgen öffnete das Seitenfenster einen Spalt breit. “ He, du bist ja ein ganz Schlauer. Da vorne kannst du anhalten!“ grunzte er auf den holprigen Mittelstreifen hindeutend. „Da ist Halteverbot!“   „Mach das so beim nächsten Mal. Ist das klar?“   „Schlagloch.“  rief er hinterher und gab Stoff. Nee, lieber nicht so schnell, denn zwei stoppelbärtige Mitarbeiter vom Flughafenservice lehnten gelangweilt an einem der rotweiß bemalten Absperrgeländer.

Allmählich kehrt wieder Ruhe ein. Läuft doch alles gut. Eine eifrig winkende Aktentasche an einer Bushalte will eingepackt werden. Okay, doch wohin nun? Wegen seiner Nähe bietet sich trotz langer Warteschlange das KaDeWe an. Meistens geht es aber doch recht  schnell weiter. Diesmal zieren Birkenstocksandalen vor korkartig gestalteten, doch farblich changierenden Hintergrundmustern die Schaufenster. Nichts mehr mit superhohen Stöckelschuhen und Disignerhandtaschen, welche lässig an den schlanken Armen von lasziv herabblickenden Modellen baumelten. Über Geld spricht man nicht. Geld hat man. Seine zigaretterauchende Spiegelung in der Glasscheibe schaut mittlerweile etwas ungeduldig aus.

Nach einer kurzen Begrüßung der modisch gekleideten und perfekt geschminkten jungen Fau kommt in leicht bestimmenden Ton die Frage: „Zur Skalitzer bitte. Schaffen wir das in fünf bis zehn Minuten?“ Ihre dunklen Augen des von fast schwarzen Locken umrahmten feingeschnittenen Gesichts schauen ihn eindringlich an.  „Sonntag morgens vielleicht, aber jetzt? Mal sehen. Klar wird schon.“ Er ergibt sich seinem Schicksal. Ein paar Belanglosigkeiten wechseln die Seiten,  während sie in den Einkaufstüten kruschpelt. Vorm Kotti ist wie üblich Stau, also rechts vorbeiziehen. Mist, irgendeine neue Baustelle verengt die Fahrbahn. Schnell einscheren, bevor die anderen aufschließen. Unwillige Blicke der Fußgänger, als er mitten auf dem Zebrastreifen zum Stehen kommt, besänftigt er mit nach oben geöffneten Händen. Erst sein allerliebstes Lächeln bewahrt ihn davor sofort zertrampelt zu werden.

„Wo soll ich eigentlich anhalten?“ fragt er, sich zu ihr umdreht und jemand ganz anderes hinten sitzen sieht. Inzwischen sind ihre Haare unter einem bunten Kopftuch verborgen und auch ihr übriges Aussehen wirkt ziemlich verändert. „Nach der nächsten Kreuzung kommt rechts eine Shelltankstelle, auf die kannst du drauf fahren. Fährst du auch nachts?“  „Ja, aber lieber tagsüber. Da sind die Kunden nicht ganz so kompliziert, weißt du?“   „Hast du eine Karte für mich oder fährst du nicht so auf Bestellung ?“  “ Doch, doch. Gerne“  Noch ein kurzer lächelnder Blick und schon verschwindet sie in einem der dunklen Hauseingäge mit den endlosen Reihen von Klingelschildern. Wäre gut mal alles aufzuschreiben,  glaubt ja sonst keiner, was es so an Geschichten gibt.

 

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

One Comment

  1. Eine sehr bildliche Beschreibung und herrlich!😊

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