Immer öfter blieben die Tische im Wirtshaus „Zum goldenen Ochsen“ unbesetzt. Momentan trug sich das Ganze noch einigermaßen. In Gedanken versunken schaute der Wirt über die alte gemütlich eigerichtete Gaststube. Nur an schönen Wochenenden füllte sich der von dicken Kastanien beschützte Biergarten. In gutgehenden Zeiten ließ er eine nach drei Seiten offene zeltartige Halle anbauen. Diese neue Situation erfordert allerdings  Anpassung.

Auf keinen Fall wollte er dem Beispiel der Pächterin vom Postillion folgen. Nach der Schließung des nahe gelegenen Krematoriums und Blumenladens stellte sie Räume für Veranstaltungen zur Verfügung. Die Tagungen der Ortsgruppe von der CDU und zuletzt eine Versammlung der Liederfreunde von Hoffmann als geschlossene Gesellschaft gaben Anlass für zwei Farb- und Pechanschläge mit zersplitterten Scheiben. Die Versicherung kündigte, Gäste hielten sich fern und die Miete konnte nicht mehr bezahlt werden. Das Schicksal mit 75 Pleite zu machen, wollte er nur ungern teilen.Wenigstens der Tabakladen hielt durch und lehnte das Angebot von 25 Mille cash auf die Kralle bisher ab. Das Postamt wurde allerdings schon verlegt.

Vielleicht wäre mehr Werbung ganz nützlich. Neue Gäste mußten her, egal wie. Auf Anraten eines befreundeten Anwalts beauftragte er eine Agentur mit der Ausarbeitung eines Konzeptes. Auf der Speisekarte ist für jeden was dabei. Asiatische und afrikanische Köstlichkeiten erweitern neben Eintopfgerichten mit grönländischen Bärenfleisch das Angebot. Für jeden ist etwas dabei; natürlich auch vegetarisch, vegan und nach religiösen Vorschriften zubereitetes Essen. Mit der Ausbildung und Anstellung von Einwanderen gelingt es auf die Liste förderungswürdiger Unternehmen  bei der Auftragsvergabe der Stadtverwaltung zu kommen, die ihrerseits eine 15% Quote anstrebt. Mit dem Aboangebot von 4,95 Euro für das Tagesmenü, auch auf Gutschein erhältlich, ist der Durchbruch endgültig erreicht. Der allergiefreien Kost ist die gemäß den Essensgewohnheiten erforderliche geschickt getrennte Raumaufteilung zuträglich.

Kunstprojekte beleben seit neuem die Gegend und locken viele Besucher an. Ein Rockerclub mußte das Feld räumen nachdem mehrmals Gäste belästigt wurden. Die Pflege guter Beziehungen zahlt sich manchmal doch aus. Der gewünschte Strukturwandel scheint eingetreten zu sein und die Umgebung gewinnt an Attraktivität mit seinen neuen Bewohnern, deren gelegentliche Proteste gegen Gentrifizierung dabei kaum stören.

Auch am Stammtisch finden sich inzwischen neue Gäste ein. Immofritze, Lamentow, seines Zeichens Rechtsanwalt, Matrazenpaule und auch Kluncki von der Stadtverwaltung pflegen angenehme Gesprächsrunden. Nur Diakon Blech fehlt heute, nachdem er gestern im Rausch  stundenlang Liebeslieder gröhlte. Der verträgt halt nichts.

 

 

 

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

6 Comments

  1. Wo kann man den goldenen Ochsen besuchen?

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    1. Filialen sprießen demnächst in jeder größeren Stadt. Der Verzehr mitgebrachter Speisen ist jedoch weiterhin untersagt.

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  2. Ein gutes Konzept des Wirtes….clever….ausgewogen…übersichtlich….

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  3. Wenn es nicht so traurig und nah an der Wahrheit wäre, könnte man drüber lachen, so ist es bittere Ironie. Gut geschrieben. …

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  4. Hey,
    Ich musste nachschauen, was Gentrifizierung heißt. Das war cool, danke! Passiert mir nicht so oft, dass ich was noch überhaupt gar nicht gehört hab, aber diese Begriffkichkeit ist mir anscheinend mein ganzes Leben lang noch nicht ein einziges Mal über’n Weg gelaufen! Coole Sache!

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  5. Auf den Punkt gebracht..

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