01888abf148687a03b4a8d32f0c1d72b5fc28fb4f6Noch fünf Minuten bis die Veranstaltung beginnt. Jürgen drückte  auf die Tube, umkurvte eine sich im Smartphone kämmende Fußgängerin, die gemächlich über die vielspurige Ausfallstraße spazierte. Die Frisur schien zu stimmen. Jetzt mit etwas Glück noch einen Platz für sein Taxi finden. Na also, klappt doch. Fast wäre er vorbeigerast. Da will einer raus. Hinter ihm lauerte schon ein Allradgetriebener, dessen grimmig verbissene Blicke Löcher in den Rückspiegel brennen zu schienen. Geschafft.

Der Vortrag über Identifikation und Identität hatte zwar schon angefangen, doch er schien nahtlos seine Fahrterlebnisse fortzusetzen. Seufzend ließ er sich in einen der bequemen Sessel im Vorraum des großen Gewächshauses fallen. „Das Verhalten im Straßenverkehr ist doch ein wunderbares Abbild der heutigen Gesellschaft. Paragraph 1 der StVO besagt,  niemanden mehr als nötig zu behindern. Dieses Miteinander ist einseitiger Vorteilsnahme gewichen.“

Allmählich machte sich doch Müdigkeit bemerkbar. Wenigstens mal kurz die Augen schließen, hören ging ja weiterhin.  „Abgesehen davon …“                                                           Auch die linke Spur ging kaum schneller voran. Jetzt ist er doch in einen Stau geraten. Wo will er überhaupt hin? Verflixt. Da heißt es einfach im Strom mitschwimmen. Das Musikgedödel  im Radio wurde durchbrochen von einer Verkehrsdurchsage: „Man kann nichts machen, wird ersetzt. Das Mantra heißt nunmehr: Mach dein eigenes Ding.“  „Ach Quatsch, ich bin wohl doch eingeschlafen“ dachte Jürgen.

„Die Gestaltung eigenen Daseins ist aber nicht unabhängig von den allgemeinen Bedingungen, auf die scheinbar kein Einfluss möglich ist. Erst mit Schaffung einer eigenen Lobby durch Zusammenschluss ist eine Richtungsänderung möglich. Allgemein verbreiteter Zweckoptimismus verdeckt nur mühsam die Hilfslosigkeit bei der Bewältigung selbstverursachter Probleme, welche gern an nachfolgende Generationen vererbt werden. Kommen wir nun zu Punkt 6 der Tagesordnung: Organisationsformen….“

„Irgendwie muss ich was verpasst haben“, dachte Jürgen als es hieß: „Zur Beschlussfassung über Vorgehensweisen bitte nun die Stimmzettel ausfüllen. Es besteht die Wahl zwischen ja, nein, weiß nicht.“ Sicherheitshalber kreuzte er lieber  die dritte Möglichkeit an. Fragen war einfach nur peinlich, nur um dann als vollkommen verblödet dazustehen.

Wenigstens hatte er noch einige gute Touren, indem mehrere Teilnehmer heimgefahren werden wollten. Aus Gesprächen kriegte er vorsichtig heraus, dass der Redner natürlich neben Einfühlungsvermögen gleichsam mathematisch genaues Vorgehen zur Entscheidungsfindung gerade bei emotionsgeladenen Themen als notwendig erachtet. Außerdem wurde bei Beschlüssen geheime Abstimmung festgelegt.                                     Politik kann auch ganz erholsam sein. Wieder einmal hatte sich bestätigt, dass viele Dinge sich im Schlaf lösen ließen.

 

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

3 Comments

  1. Aaaah, deshalb gibt sich die Bundesregierung einem permanenten Dauerschlaf hin! Leider scheinen noch zu viele Schlafstörungen vorhanden zu sein…. 🙂

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    1. Da kann Selbsthypnose hilfreich sein.

      Gefällt 2 Personen

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  2. Ichschlaf wohl auch noch zu wenig. Oder man bietet zu selten die Option „weiß nicht“ an…

    Gefällt 1 Person

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