01afb9ac5f71fd9d7217c51cd632b0570201776140.jpgEin seltsam wohliges Gefühl beschlich ihn, als der modrige Geruch von nassem Filz in seine Nase stieg. Ab und zu fiel ein Tropfen Kondenswasser auf den grauen Betonboden der kleinen Kammer, was die Stille angenehm unterbrach. Hatte er denn nicht alle Kräfte eingesetzt in vollem Vertrauen auf die Vorsehung, welche den Sieg versprach.

Seine Verlorenheit und das etwas linkische Benehmen weckte Beschützerinstinkte bei begüterten Damen auf Gesellschaften in deren Salons. Okkulte Kräfte, diffuse religiöse und philosophische Erneuerer, politische Eiferer, Technokraten und Rassenlehre düngten den Boden für eine neue Bewegung. Das Unrecht was ihm Zeit seines Lebens widerfuhr, jetzt ließ es sich wiedergutmachen. Manchmal war ihm wie dem verkannten Volkstribun in seiner Lieblingsoper Renzi.

Seine ganze Kraft lag in endlosen Reden, wenn es aus ihm sprach. Die um die Früchte ihrer Anstrengung immerfort Betrogenen gerieten geradezu in Verzückung. Die Weitsichtigkeit seiner Gedanken ließen sich in einem eigens geschriebenen Buch nachlesen. Die Übersetzung u.a. in Urdu und arabische Sprache weckte eine bis heute andauernde Begeisterung. In der Lesergunst konkurrierte es mit den Protokollen der Weisen von Zion und nebenbei entwickelte sich Haß auf Amerika.

Die Ursache allen Übels war, wer hätte das gedacht, der Jude. Nicht wegen seines Glaubens, sondern allein wegen seines Daseins mußte er zum Sündenbock herhalten. Überall, im Kapitalismus, im Kommunismus oder im Christentum, steckte er dahinter. Wenn der Jude siegt geht die Welt unter. Manchmal mußte er sich selbst auf die Schulter klopfen für diese Formulierung. Das hatte er von der Kirche gelernt. Immer wieder stur am Glauben festhalten.

Ihm war, als schwebte eine schützende Hand über ihm und vernichtete seine Feinde. Alle Anschläge schlugen fehl. Schon im frühen Alter von fünf Jahren bediente sich diese Kraft eines Pfarrers, der ihn kurz bevor er ertrank aus dem Wasser zog. Was für eine Ironie, wünschte er doch in seinen späteren Tischgesprächen das Absterben und langsame Austrocknen dieser Religion. Wenn die Germanen unter Karl Martel wenigstens den muslimischen Glauben angenommen hätten, dann hätten sie heute die Weltherrschaft. Dschingis Chan war logischerweise Arier. Der Anblick einer Kapelle auf dem Obersalzberg verleidete ihm gänzlich die Laune und so ließ er sie abreißen. Auch die Kirche einer widerspenstigen Gemeinde in München fiel dem Straßenbau zum Opfer. Bekennende Kirche. Schon der Name weckte in ihm Abneigung. Kreuze mußten aus staatlichen Einrichtungen verschwinden. Auch die altdeutsche Schrift wurde abgeschafft, da sie einer modernen Erneuerungsbewegung hinderlich schien.

Insgesamt war sein selbstmörderischer Kampf als Erfolg auf dem weiteren Weg zum Sieg anzusehen, obwohl er beim deutschen Volk einer Fehleinschätzung unterlag. Mit verhaltenem Vergnügen erinnerte er sich der Beseitigung mittels Gehilfen von Brodowins einem preußischen General, welcher einen Zweifrontenkrieg für aussichtslos hielt, durch zwei Kopfschüsse bei seiner Verhaftung. Gerade deswegen verliert man. Ohne Glauben und Opferbereitschaft geht gar nichts. Schade um den Röhm, aber für eine soziale Revolution und mit ihr die Zinsabschaffung war einfach nicht die Zeit. Ohne Unterstützung reicher Industrieller geriete die ganze Sache ins Wanken.

Überhaupt war die Gleichschaltung nur unvollkommen. Trotzdem auf der linken Seite ziemlich alles ausgeschaltet war und auch Burschenschaften, Pfadfinder, okkulte Vereinigungen sowie Parteien aufgelöst wurden, gab es nach wie vor zersetzende Elemente, welche für Unruhe sorgten. Einem Rassetheoretiker, welcher sein Erscheinungsbild negativ beurteilte, bekam das gar nicht und negative Horoskope von Astrologen gefielen auch nicht. Dabei mußte er fast schmunzeln, als er an den scheinbar parteitreuen Gastwirt dachte, der sich negativ über das Benehmen der SA äußerte. Ein paar Monate KZ reichten nicht aus. Erst nach dem Zwangsverkauf war Schluß und kurz danach endgültig. Beim Bormann lag alles in guten Händen. Selbst die Bruckmanns, Bechsteins und andere verließen mehr oder weniger freiwillig den Obersalzberg. Nichts trübte mehr die Sicht auf den Untersberg in dessen Tiefen Barbarossa vermutet wurde. Liebe zum Vaterland ist kein Selbstzweck und hat allein dem Führerwillen zu dienen. Das war seiner Ansicht nach unbestreitbar.

Immerhin konnte er den jüdischen Hausarzt seiner Familie retten. Wenn nur alle Juden so wären. Als einziger seiner Jugendfreunde genoß der Kubicek seine Zuneigung. Alle anderen Zeugen verschwanden oder wurden mundtot gemacht. Bedauerlich in seinen Augen war, daß fast alle Frauenbekanntschaften für diese tödlich endeten. Berichte über seine Herkunft kamen nur überarbeitet an die Öffentlichkeit. Krankenakten und dergleichen verschwanden bisweilen mitsamt Besitzer von der Bildfläche. Mit der Errichtung eines Militärübungsplatzes auf dem Gebiet seiner Verwandtschaft wurden letzte Spuren beseitigt. Niemand sollte um sein Zeichen wissen, damit die Ankunft des wahren Messias nicht gefährdet wurde. Immerhin ließen Parolen wie one World, one law, one government, house of one Hoffnung aufkeimen. Er nahm sich vor inzwischen seine Englischkenntnisse zu verbessern.

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

One Comment

  1. Moin moin,
    ich lese deinen Blog so gerne, dass ich dich für den „Liebster Award“ nominiert habe. Wieso, weshalb, warum? Das kannst du bei Bedarf hier nachlesen: https://desgrafenlesestunde.wordpress.com/2016/04/20/liebster-award-kettenbrief-2-0/
    Liebe Grüße!

    Gefällt 3 Personen

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