01676cc8b82d08103e8ee6d513b62b4028c6e4a5d2.jpgAuf der gestrigen Fahrt vom Büro nach Hause hat Jürgen, die alte Plaudertasche, seine Trinkgeldreihenfolge geordnet nach Herkunftsländern verkündet. Am liebsten fährt er nach  Südkoreanern, die ihn vorher fragen, ob sie das anbieten dürften und Amerikanern, da gibt es immer einen Tip, Deutsche. Allerdings drohen die Amis im Rang abzurutschen; wahrscheinlich gab es eine Nachschulung im Geschäftsgebaren. Dann natürlich die Ossis mit denen man, wenn sie sich denn öffnen, wunderbar palavern kann. Danach, dicht gefolgt von Russen, welche entweder sehr viel oder nix geben und Schwaben, kommen die Wessis, die sich auch nicht lumpen lassen. Hierauf folgen Nordeuropäer zusammen mit Japanern. Bei den anderen empfiehlt es sich genügend 10 Cent Stücke zum Wechseln  dabei zu haben.

Unterschiede in der Freundlichkeit sind nicht signifikant und der Schnöselfaktor liegt überall bei etwa 10%. Ursache ist meistens gar nicht Geiz sondern Unwissenheit über Gepflogenheiten. Der Versuch, das rüberzubringen ist einfach nur peinlich, denn danach wird der Geldbeutel gezückt und die Frage, wieviel üblich sei, fällt schwer. „In Germany you give 20, if it is 18,10 or 19 if it is, let us say 17,80.“   Wie soll man das auch verstehen?

Leute nach ihrer Herkunft zu bewerten ist das nicht diskriminierend? Die Vorstellung von einem versteckten Rassisten durch die Gegend geschaukelt zu werden amüsierte sie, was aber bestimmt nicht angebracht war. Eine angemessene Reaktion wäre wohl Abscheu oder wenigstens Angst, die sich jedoch nicht einstellte. Hoffentlich kriegt das keiner mit, war alles an Befürchtung, was sich bei ihr regte. Mutig sprach sie das Thema AfD an und wie er das Wahlergebnis fände. Gefallen hätten ihm die langen Gesichter bei den anderen Parteien, aber da er ungern eine Uniform tragen wolle, sei das für ihn keine Alternative. Wally beschloß ihm demnächst weiter auf den Zahn zu fühlen und drückte ihm bei der Verabredung für Montag um zehn neben einem fetten Trinkgeld vorsichtshalber eine Kurzfassung ihres überarbeiteten  Parteiprogrammes in die Hand. Die Zeugen Jehovas wären bestimmt neidisch auf ihre ausgefeilte Überzeugungstechnik.

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

2 Comments

  1. Ich denke Jürgen ist auf keinen Fall ein Rassist.
    Einmal liegt seinem Urteil ja kein Rassenschema zugrunde, sondern ein kulturelles. Er weiß ja Russen, Amerikaner, Ossis und Wessis zu unterscheiden, die ja sehr oft alle „Weiße“ sind. Dann beruht sein Urteil auf Einzelerfahrungen und solange er mit wachem Verstand arbeitet, wird es ständig durch neue Erfahrungen korrigiert.
    Die Anekdote bringt aber gut auf den Punkt, wie Rassismus entstehen könnte. Wenn man sich Jürgen als frustrierten Rentner vorstellt, der stumpf am Fenster sitzt und jedem der es nicht hören will, erzählte: Alle Russen sind so und so…
    Bin ich eigentlich des Antisemitismus verdächtig, wenn ich bei Fotos von Marc Zuckerberg immer spontan an Kyle Broflovski denken muß?

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    1. Kenne die Serie nur oberflächlich, jedoch, also bevor ich was Falsches sage, überall Tretminen, das war vielleicht ein eher positiv gemeinter Gedanke.

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