Das Neonlicht ging Punkt sechs Uhr an und riss ihn aus dem Schlaf. Gerade noch in schönste Träume versunken wurde er sich bewußt, wo er sich befand. Nach einem Blick zum vergitterten Fenster durch welches das eintönige Zwitschern eines unbekannten Vogels ,durchbrochen  von dem rauen  Krächzen einer verärgerten Krähe, klang, strich er sich über das mit frisch sprossenden Bartstoppeln verzierte Gesicht.Die kleine Zelle glich eher einem Flur und besaß einen abgetrennten Bereich für die Toilette sowie ein kleines Waschbecken.Ein hochklappbares Wandbett und ein Tisch mit zwei Stühlen vervollständigte die etwas spartanische Einrichtung; vier Schritte hin, vier Schritte zurück hieß es ab jetzt.Sein Vorgänger hatte die Anzahl der verflossenen Tage über den Spiegel gemalt,was seine Stimmung eher nicht heben konnte.

Warum war er bloß abgehauen vor den zwei Typen,die sich ihm plötzlich näherten und den gewohnten Abendspaziergang in der Nähe  der neuen Gebäude des BNDs unterbrachen.Kurz zuvor verlangte der aufgesprühte Schriftzug mit arabischen Buchstaben durch den intesiven Farbgeruch seine Aufmerksamkeit.Ein Test mit der rechten Hand erwies seine Vermutung einer frisch begangenen Tat,da die Farbe noch klebrig schien. Auf der Fahrt zum nächsten Polizeirevier wurde ihm seine mißliche Situation erst voll bewußt.Bis auf den Hausschlüssel, den Zigaretten samt Feuerzeug und etwas Kleingeld in seiner Jacke wurde nichts gefunden, als sie ihn durchsuchten.Wegen Fluchtgefahr und Widerstand sei er vorläufig festgenommen und zugestanden sei ihm ein Telefonat mit einem Anwalt, der ihm nach Schilderung des Sachverhaltes eine Vertretung seiner Angelegenheit zusicherte.

Er saß gerade gemütlich auf dem Klo, als laut rasselnd die Zellentür aufgeschlossen wurde. „Haftprüfungstermin! Machen Sie sich bitte fertig.“Sich schnell das Hemd in die Hose stopfend trat er vorbei an dem Schließer auf den Gang hinaus.Abgestandener Geruch von Bohnerwachs mischte sich mit dem Geruch von Muckefuck auf dem Frühstückswagen,welcher gerade von einem begleiteten Häftling vorbeigeschoben wurde.In den graugestrichenen Zellentüren gab es exra eingebaute Metallklappen,deren beim Öffnen verursachter laut scheppernder Klang von den leeren Wänden widerhallte.

Nach dem Passieren weiterer Gittertore, welche die einzelnen Bereiche abtrennten, war nach einer kurzen Fahrt mit dem Gefängnistransporter das altehrwürdige Gerichtsgebäude erreicht.Dessen meterdicke Innenwände waren bis auf  Schulterhöhe mit grünbläulichen Kacheln aus wilhelminischer Zeit bekleidet und hinter einer der vielen nach oben halbbogenförmig abgeschlossenen Türen befand sich der mit dem Fall befaßte Haftrichter.

„Guten Morgen.“ „Morgen.“ tönte es von der neben diesem sitzenden Schreibkraft mittleren Alters, bewaffnet mit einem Kugelschreiber, zurück. Der mit einer Halbglatze ausgestattete Richter blickte gelangweilt auf.“Bitte setzen Sie sich Herr Förster-Kluge. Möchten Sie sich zu dem gestrigen Vorfall äußern?“  „Ja, jedoch nur in Gegenwart meines bestellten Anwaltes“  „“Welchem Anwalt?“ fragte der Richter griesgrämig, während er die noch mit Farbe beschmierten Fingerspitzen seines Gegenübers betrachtete.Selbst die Kakteen auf dem Fensterbrett des zum Innenhof zeigenden Fensters waren fast vertrocknet und nach einem Blick zur mitschreibenden Angestellten, die mit dem Kopf zu schütteln schien, ergab er sich seinem unvermeidbaren Schicksal.

Kurz vor Ende des Haftprüfungstermins erschien endlich wie eine Fata Morgana sein Anwalt,  der eine Rechtfertigung einer Haftverlängerung wegen Fluchtgefahr infrage stellte und den vergleichsweise geringen Straftatbestand hervorhob.Eine Vorstrafe außer kleineren Vergehen des Tatverdächtigen sei nicht vorhanden und ein fester Wohnsitz bestehe auch.Desweiteren geriete sonst seine Berufstätigkeit mit gesicherten Einkünften  in Gefahr.Leicht widerwillig gab der unausgeschlafen erscheinende Richter der Einlassung des Anwaltes statt.Nach einer weiteren Stunde vor der Kleiderausgabekammer,die der ungläubige Gefängnisdirektor zur Nachfrage der Entlassungsgründe nutzte,trat der ein wenig zermürbte Doktor Förster-Kluge durch eine kleine Pforte neben dem Einfahrtstor der Haftanstalt auf die Straße hinaus.Sein „Auf Wiedersehen“ wurde von dem Beamten dahinter mit „Na, hoffentlich nicht“ beantwortet. Mit dem fast berauschenden Gefühl von unendlicher Freiheit trottete er nach Hause, denn mit den paar Münzen in der Tasche war an eine Taxifahrt nicht zu denken.

 

 

Veröffentlicht von schlingsite

Unverhofft kommt oft.

3 Comments

  1. Hieß es nicht, wenn man Polizei sieht, soll man mit freundlich-fragendem Gesicht direkt auf sie zugehen. Dann denken die, man will sie mit Arbeit belästigen und gucken sofort ganz angestrengt in eine andere Richtung…

    Gefällt mir

    Antwort

    1. Das werde ich mal versuchen. Aber ich habe eine Polyphobie und sofort machen die einen Alkoholtest.Jedenfalls neulich bei der Parkplatzsuche.Also ich sah einen, entdeckte einen besseren und dann einen ganz bequemen, dadurch fuhr ich etwas kurvig und sah im Rückspiegel wie sie langsam losfuhren.

      Gefällt mir

      Antwort

      1. Oh, Polyphobie ist natürlich schwer therapierbar. Polizisten können das wohl auch kriegen, bei denen heißt das dann aber Xenophobie, noch schwerer zu heilen….

        Gefällt 1 Person

        Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s